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Werben trotz TTPA: Wie politische Kommunikation in der neuen Regelwelt funktioniert

Dauer 11 min. lesezeit

Die EU hat mit der TTPA-Verordnung (Transparency and Targeting of Political Advertising) die Spielregeln für politische Werbung grundlegend verändert. Google und Meta haben reagiert – und viele Kampagnenverantwortliche stehen vor einer Frage, die sie sich vor einem Jahr noch nicht stellen mussten: Wie werben wir eigentlich noch? 

Dieser Artikel zeigt, was die TTPA wirklich bedeutet, wen sie trifft – und wie politische Kommunikation trotzdem funktioniert.

Hinweis vorab: Dieser Artikel stellt keine Rechtsberatung dar. Ich bin kein Rechtsanwalt. Alle Inhalte basieren auf unseren eigenen Erfahrungen aus der täglichen Praxis. Für konkrete rechtliche Fragen empfehle ich dringend, einen spezialisierten Anwalt hinzuzuziehen.

Definition

Was ist die TTPA – und warum sollte sie dich interessieren?

TTPA steht für Transparency and Targeting of Political Advertising – eine EU-Verordnung, die im April 2024 vom Europäischen Parlament verabschiedet wurde und seit Mai 2024 in Kraft ist. Seit Oktober 2025 gilt sie vollständig für alle Akteure innerhalb der EU.

Die EU will sicherstellen, dass Bürgerinnen und Bürger wissen, wer ihnen welche politische Botschaft zeigt – und warum gerade ihnen. 

Die Hintergründe sind bekannt: Cambridge Analytica, das Brexit-Referendum, die US-Wahl 2016. Micro-Targeting zur politischen Meinungsmanipulation hat demokratische Prozesse erschüttert. Die TTPA ist die europäische Antwort darauf.

Die Verordnung gilt als EU-Verordnung direkt und unmittelbar in allen 27 Mitgliedstaaten – es gibt keinen Spielraum zur Abschwächung. Das gilt ebenfalls für Nicht-EU-Länder, die innerhalb der EU werben möchten. Wirbt ein EU-Land allerdings außerhalb der EU, zum Beispiel in den USA, gilt dort US-Recht.

Gilt dies auch für internationale Unternehmen, die in der EU Werbung schalten wollen? Bzw. wie wird es gehandhabt, wenn EU-Staaten in anderen Ländern Werbung schalten möchten? 

Gilt in beiden Fällen das Recht des Ziel-Landes?

Ganz genau, es gilt immer das Recht des Ziel-Landes. Also wenn die USA in der EU schalten wollen gilt die TTPA, wenn ein EU Staat in den USA werben will gilt die TTPA nicht, sondern das Gesetz in den USA.

Ich würde das noch in einem kleinen Hinweis-Satz hinterlegen. Dann ist hierzu für die Leser ebenfalls Klarheit. 

Was die TTPA konkret fordert

Die Verordnung baut auf vier Kernpflichten auf:

  • Jede politische Anzeige muss sichtbar als solche gekennzeichnet sein – inklusive Name und Kontaktdaten des Auftraggebers und einem Link zu weiteren Transparenzinformationen. Das Kleingedruckte reicht nicht mehr.

  • Politische Werbung darf nicht mehr auf Basis sensibler Daten ausgespielt werden – dazu gehören politische Überzeugungen, Religion, Gesundheitsdaten, sexuelle Orientierung oder ethnische Herkunft. Das hochpräzise Micro-Targeting, das politische Kampagnen über Jahre optimiert haben, ist damit weitgehend Geschichte. Erlaubt bleiben geografisches Targeting, Sprache, Gerät und kontextbezogene Kriterien.

  • Wer hat die Werbung bezahlt? Wie viel wurde ausgegeben? In welchem Zeitraum? Diese Informationen müssen öffentlich zugänglich und für jeden EU-Bürger nachschlagbar sein. Innerhalb der Anzeige muss beispielsweise ein Link hinterlegt werden, der auf eine Webseite führt, die genau diese Transparenzerklärung beinhaltet.

  • Die Europäische Kommission baut ein zentrales öffentliches Register auf, in dem alle politischen Werbekampagnen dokumentiert werden müssen. Kampagnendaten müssen dort eingetragen und mindestens fünf Jahre lang aufbewahrt werden.

Reaktionen von Plattformen

Wie Google und Meta reagiert haben

Die Verordnung selbst wäre handhabbar. Das eigentliche Problem ist die Reaktion der großen Plattformen – und die ist drastisch.

Google hat politische Werbung in der EU grundsätzlich gesperrt. Jede Anzeige von, für oder im Namen eines politischen Akteurs ist nicht mehr buchbar. Erlaubt bleiben nur noch offizielle staatliche Mitteilungen zur Wahlorganisation – und das auch nur nach einem aufwendigen Ausnahmeverfahren.

Meta hat die Kategorie „Werbung zu sozialen Themen, Wahlen oder Politik“ massiv eingeschränkt. Was dabei als politisch gilt, ist erschreckend weit gefasst: Umwelt und Klimawandel, Migration, Gleichstellung, LGBTQ+-Themen, religiöse Inhalte, Stadtentwicklung mit politischer Dimension – all das kann zur Ablehnung führen.

Das Prinzip beider Plattformen ist dasselbe: Im Zweifel ablehnen. Die Beweislast liegt beim Werbetreibenden. Und die Algorithmen, die Anzeigen prüfen, sind nicht in der Lage, feine semantische Nuancen zuverlässig einzuordnen – ganze Kategorien werden pauschal gesperrt.

Auswirkungen auf Unternehmen

Wen die TTPA wirklich trifft

Hier liegt die größte Unsicherheit im Markt. Die Definition politischer Werbung ist bewusst weit gehalten: 

Politische Werbung ist jede Werbung, die von einem politischen Akteur stammt oder geeignet und dazu bestimmt ist, Wahlergebnisse, Wählerverhalten oder Gesetzgebungsprozesse zu beeinflussen.

Klar politisch und ohne Spielraum sind: Werbung von und für Parteien und Kandidaten, Kampagnen zu Volksbegehren und Referenden, Aufrufe zur Stimmabgabe.

Die Grauzone ist deutlich größer: NGO-Kampagnen zu gesellschaftlichen Themen, Interessensverbände, Gewerkschaften, Kampagnen zu Stadtentwicklung mit politischer Dimension, religiöse oder weltanschauliche Inhalte.

Besonders relevant ist das Absenderproblem: Selbst wenn der Inhalt einer Anzeige völlig neutral ist – wenn der Absender als politischer Akteur klassifiziert wird, fällt die gesamte Werbung unter die Einschränkungen. Eine Volksbegehren-Organisation ist per Definition ein politischer Akteur, egal wie sachlich sie formuliert.

Volksbegehren-Organisationen, NGOs, kommunale Stellen, Interessensverbände – und alle Agenturen, die solche Kunden betreuen – sind betroffen. Nicht vielleicht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Die Lösung

Kanalwechsel ist eine Methode für TTPA, nicht Notlösung

Die gute Nachricht: Politische Kommunikation ist weiterhin möglich. Man muss nur neu denken. Was auf bestimmten Kanälen nicht mehr geht, lässt sich durch gleichwertige Kanäle ersetzen – wenn man die richtigen Rahmenbedingungen kennt.

Von X zu Y

Die Kanalstrategie

Eingeschränkt Alternative
Google SEA Programmatic Display
YouTube-Ads Programmatic Video
Meta / Social-Ads Social mit entpolitisierten Botschaften
Interessens-Targeting Contextual-Targeting
US-Plattformen Europäische Ad-Tech-Anbieter

Programmatic Display ist kein Notbehelf. Über programmatische Marktplätze – europäische DSPs wie Adform, Equativ oder Smartclip – kannn man tausende Publisher-Inventare gleichzeitig bespielen: Tageszeitungen, Lokalportale, Special-Interest-Seiten. Mit kontextbasiertem Targeting erscheint die Anzeige dort, wo sich die Zielgruppe gedanklich bereits im relevanten Umfeld befindet.

Programmatic Video ersetzt YouTube. Pre-Roll und Mid-Roll Video-Ads auf Nachrichtenportalen und Streaming-Services erreichen dieselben Zielgruppen – ohne algorithmischen Gatekeeper, der Inhalte als politisch einstufen und sperren kann.

Entpolitisierung der Botschaft

Social-Media neu denken in Zeiten der TTPA

Social-Media ist nicht komplett weg – aber die Kommunikation muss sich verändern. Die TTPA verbietet nicht Kommunikation über politische Themen. Sie verbietet Werbung, die dazu bestimmt ist, Wählerverhalten zu beeinflussen. 

Der Unterschied in der Praxis:

Politisch – wird abgelehnt Informativ – wird akzeptiert
„Stimmt JA – für ein besseres München!“ „Das Volksbegehren findet am [Datum] statt.“
„Gemeinsam verändern wir die Stadt!“ „Hier sind alle Fakten zum Abstimmungsthema.“
Emotionaler Appell + Handlungsaufruf Sachliche Info + neutrale Weiterleitung
Wechsel der bekannten Basis

Die technische Infrastruktur

Neben der Kanalstrategie ist die technische Infrastruktur der entscheidende Faktor – und gleichzeitig der, den viele zuletzt auf dem Schirm haben. Denn es reicht nicht, einfach auf einen anderen Kanal zu wechseln. Wenn die dahinterliegende Technologie weiterhin auf US-amerikanischer Infrastruktur basiert, bleibt das Risiko bestehen.

Wir haben dafür eine eigene Lösung entwickelt, die auf vier klaren Rahmenbedingungen aufbaut: 

 

  1. europäischer Technologieanbieter ohne Abhängigkeit von US-Big-Tech
  2. Daten-Hosting ausschließlich in Deutschland
  3. kein US-Datentransfer und damit kein CLOUD Act-Risiko
  4. Targeting ausschließlich auf erlaubte Parameter wie Geografie, Kontext und Sprache

 

Das bedeutet: keine algorithmischen Gatekeeper, die Kampagnen mitten im Lauf abschalten, volle DSGVO-Konformität und maximale Planungssicherheit – auch wenn Google und Meta morgen wieder ihre Richtlinien ändern.

Das ist keine Notlösung. Es ist der neue Standard für regelkonforme politische Kommunikation in Europa.

Praxisbeweis
Case-Study OlympiJA München

Theorie ist gut. Beweis ist besser.

Im Herbst 2025 begleiteten wir die Kampagne für den Bürgerentscheid zur olympischen Bewerbung Münchens – gemeinsam mit der Kreativ- und Lead-Agentur Zum goldenen Hirschen.

Die Ausgangslage war denkbar schwierig: Weltweit war noch kein Volksentscheid für Olympia erfolgreich gewesen. Die Skepsis gegenüber IOC und Großprojekten war groß. Eine gut organisierte Gegenkampagne war aktiv. Und dann traf die TTPA die laufende Kampagne.

Der Kanal-Switch in der Praxis

Die ursprüngliche Kanalplanung musste während der Kampagne angepasst werden:

  • Display wurde auf eine deutsche DSP mit personalisierten Deklarationsfeldern umgestellt
  • YouTube wurde durch eine Video-Kampagne auf einer deutschen Plattform ersetzt
  • Meta wurde auf eine reine Image-Kampagne ohne politische Aktivierungsaufrufe umgestellt
  • LinkedIn wurde vorzeitig beendet – das Verhältnis von Aufwand zu Nutzen war nicht mehr gegeben
  • Google-Search wurde auf rein informative Keywords umgestellt

Kein Kanal wurde einfach gestrichen. Jeder Kanal wurde entweder ersetzt oder angepasst.

Das Ergebnis

Am 26. Oktober 2025 hat München abgestimmt:

  • 66,4 % JA-Stimmen – historisch, weltweit einmalig
  • 42 % Wahlbeteiligung – Rekordwert für einen Münchner Bürgerentscheid
  • 24+ MillionenImpressions auf allen bezahlten Kanälen
  • CTR 14,81 % bei Google Search – Branchen-Benchmark weit übertroffen
  • 64,1 % Reichweite bei Wahlberechtigten über Print

Gesamtbudget: 159.000 Euro inklusive Agenturgebühren.

So funktioniert der Umgang mit TTPA

Vier Learnings für alle, die politisch kommunizieren

  • Volksbegehren, NGOs, kommunale Kampagnen, Interessensverbände – wer jetzt nicht reagiert, tut es mitten in der nächsten Kampagne.

  • Programmatic Display, Programmatic Video, entpolitisierte Social-Botschaften – die Reichweite bleibt, die Kontrolle wächst.

  • Europäischer Anbieter, deutsches Hosting, kein US-Datentransfer – das ist kein Kompromiss, sondern zukunftssichere politische Kommunikation.

  • 66,4 % JA, Rekord-Wahlbeteiligung, 24 Millionen Impressions – unter TTPA-Bedingungen, mit angepassten Kanälen, in einer der schwierigsten Ausgangssituationen, die ein Volksbegehren haben kann.

Fazit

Mit der TTPA beginnt eine neue Kommunikation in Europa

Die TTPA ist kein vorübergehendes Regulierungsrauschen. Sie ist der Beginn einer neuen Ära politischer Kommunikation in Europa – transparenter, kontrollierbarer, aber auch komplexer. Wer sie als Bedrohung betrachtet, wird gelähmt. Wer sie als Rahmenbedingung akzeptiert und die richtigen Antworten findet, kann weiterhin wirksam kommunizieren.

München hat gezeigt, dass es geht. Die Frage ist nicht ob. Vielmehr ist sie: Wann fängst Du an, umzudenken?

Du hast eine ähnliche Kampagne vor Dir oder willst wissen, wie das für Deinen spezifischen Fall aussieht? Unser Experte steht Dir bei Rückfragen direkt zur Verfügung. 


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